Liebe Freunde,
Wikipedia erinnert heute daran: 1616 – Im schlesischen Glogau kommt Andreas Gryphius zur Welt, der mit den Lissaer Sonetten zu den bedeutendsten Lyrikern des deutschen Barocks zählt. Der hat mich schon in der Schulzeit beeindruckt wegen seiner eindrücklichen Beschreibung des Leidens der Menschen und der sinnlosen Zerstörungen im 30-j. Krieg. Geboren ist er in Glogau. Heute liegt diese Stadt in Polen. In der Schulzeit habe ich noch nicht gewußt, dass Polen mal die zweite Hälfte meines Lebens sein wird und dieses Glogau auch wichtig sein wird. In einer Zeit, wo es immer brandgefährlicher zugeht, gibt es aus Głogów viele gute Nachrichten.
Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde mitten in der Stadt ein Theater gebaut und nach Grypius benannt. Glogau wurde 1945 von sowjetischer Artillerie mit deutscher Gründlichkeit zerstört. Auch das Theater war Ruine. Jahrzehntelang. Aber nie wurde es umbenannt oder gänzlich beseitigt. Immer behielt es den Namen von Gryphius. Vor dem Theater wurde eine Vitrine aufgestellt mit einem Modell des Theaters und der klaren Aussage, es soll wieder als Gryphius-Theater aufgebaut werden. In vielen, vielen anderen Städten und Dörfern, die Deutschland in Folge deutschen Größenwahns verloren hat, wurden Spuren deutscher Kultur und Existenz beseitigt. Teils sehr gründlich. Anders in Głogów. Die Stadtältesten und Stadtältestinnen haben sich nicht von Hass leiten lassen, sondern das Theater wieder aufgebaut und der Name ist geblieben!
Głogów hat noch mehr zu bieten. Jochen Klepper ist dort zum Gymnasium gegangen. Klepper verehre ich wegen seines literarischen Schaffens und wegen seiner Konsequenz, bis zum letzten Atemzug zu seiner jüdischen Frau und Stieftochter zu halten. Klepper wurde in Glogau vom Französisch-Lehrer missbraucht. Das hat ihn zeitlebens belastet. Das ist also kein Phänomen unserer Zeit. Auch kein Phänomen allein der Kirchen.
Zur Vorbereitung der Enthüllung einer Gedenktafel für Klepper in Bytom Odrzański war ich eine Woche lang in Polen unterwegs und habe in Kirchgemeinden und Schulen Werbung für die Ehrung von Klepper in seiner Geburtsstadt gemacht. U.a. in verschiedenen Schulen in Głogów. Das hat der Direktor des Gymnasiums organisiert. Das ist schon ein Erlebnis, wenn man als Deutscher vor jeweils ca. 100 polnischen Schülern steht und über die deutsche Geschichte der heute polnischen Stadt sprechen und Jochen Klepper vorstellen darf.
Ich hatte Kleppers Lied „Die Nacht ist vorgedrungen…“ ins Polnische übersetzt. Der Ortschronist von Głogów hat dafür gesorgt, dass diese Übersetzung zur Melodie passend gemacht wurde. Zum 120. Geburtstag von Klepper gab es im Gryphius-Theater ! eine Gedenkveranstaltung für Jochen Klepper ! mit der Uraufführung ! der polnischen Variante des Liedes „Die Nacht ist vorgedrungen…“ von Jochen Klepper! Unvergesslich mit welcher Hingabe dieses Lied von polnischen Sängerinnen auf der Bühne interpretiert wurde! Ich habe eine Gänsehaut bekommen…
Es gibt noch mehr Positives. Einen Goethe-Pavillon. Ein zweisprachiges Denkmal für die polnischen und die deutschen ! Opfer von Krieg, Gewalt und Vertreibung. 1993 zum Jahrestag der Kristallnacht wurde ein Denkmal für die Juden von Glogau enthüllt. Das ist ein klares Signal innerhalb ! von Polen und heißt, nicht nur wir Polen sondern auch! die Juden! haben gelitten. Denn auch in Polen gibt es geschichtsvergessene Menschen, die nur das Leiden des eigenen Volkes erinnert und heroisiert haben wollen.
Frieden beginnt u.a. damit, dass wir uns für die Kultur anderer Länder interessieren und sie achten. Da sind ungeheure Reichtümer. Głogów leistet dazu einen großen Beitrag!
Zum Frieden gehört, dass der Traum von Putin und anderen psychisch und seelisch schwer gestörten Männern von noch mehr Macht, von einem noch größeren Land nicht in Erfüllung gehen.
Besucht die Nachbarländer! Es gibt Vieles an gemeinsamer europäischer Kultur zu entdecken! Nicht Macht und das Streben nach noch mehr Macht sondern Kultur und kultureller Austausch und menschliche Begegnungen sind der wahre Reichtum der Menschheit.
Bleibt noch anzufügen: Der ökumenische Chor aus Karpacz, Kirche Wang in Polen, hat den evangelischen Partnerchor in Kamenz besucht. Es war einfach schön! Ich hatte mit dem deutschen Chor die polnische Variante von Bonhoeffers Von guten Mächten eingeübt. Den polnischen Gästen standen Tränen der Rührung in den Augen. … Auch solche Begegnungen sind ein Schritt zu einem gemeinsamen friedlichen und friedenstiftenden Europa.
Erich Busse, DPG Sachsen, 02.10.2026
Beitragsbild: New York-air Wikipedia
